Necessary Mayhem – Die Retro-Rutsche Rummst

Sess Retro & Electro Agony - CoverMit “Retro”-Bewegungen ist das so eine Sache. Einerseits will natürlich niemand als konservativer Stoffel dastehen. Andererseits ist die Flucht in Nostalgie auch höchst verführerisch, und so ist es nicht überraschend, dass sich bei den Hardcore Riddims seit einiger Zeit ein gewisser Rückzug in überkommen geglaubte Styles zeigt, auch jenseits der üblichen Studio One-Relicks. Zahlreiche der wichtigen Produzenten haben sich in irgendeiner Weise der Ära von ca. 85 bis 95 zugewandt – ob Dave Kelly mit seinem programmatischen “85”-Riddim, Steely & Clevie mit “Sleepy Dog” und “Viagra” oder Don Corleon mit seinem stark an “Stamina Daddy” angelehnten “Sweat” und “Foundation”-Entwürfen.

Ein sehr konsequentes Beispiel dieser Digitalnostalgie schwappt nun aus England herüber. Mit dem Two-Riddimsampler “Sess Retro & Electro Agony” lanciert der Producer Curtis Lynch Jr. sein “Necessary Mayhem”-Label. Von zwei Riddims zu sprechen ist dabei allerdings fast irreführend. Beide laufen auf der gleichen bpm-Zahl und basieren im Prinzip auf einem gemeinsamen, klassischen und äußerst simplen Rhythmusskelett, das aber um verschiedene, allesamt bekannte Synthiebasslines ergänzt wird. “China Town” hört man da kurz, “Answer”, “Sleng Teng” natürlich oder eben auch “Agony”, die Bässe rollen rein und raus dass es eine wahre Freude ist. Dazu kommen ein paar einfache, ebenfalls bekannte Synthiesamples (“Heavenless” oder “Darker Shade Of Black” zum Beispiel) und fertig ist der Kracherrriddim. Dazu hat Lynch die Top-Riege britischer Dancehallartists in die Voicing-Kabine gebeten, die passend zum Motto klassische DJ-Styles zitieren. Top Cat updatet seinen ersten Hit aus dem Jahr 1988, “Love Mi Sess” (bzw. hier “Sess Weh Yuh Want”) , YT bedient sich für “England A Mi Yard” bei Admiral Bailey, Babychan holt Sister Nancys “Bam Bam”-Thema hervor und der feurige JD benutzt Yellowmans Trademark “Zunga Zeng” und imitiert nebenher noch Junior Demus. Zudem hat sich auch die wunderbare, aber seltene Shola Ama für ein Duett mit Sweetie Irie eingefunden. Das ganze Paket ist stimmig, druckvoll und ein echter Freudenspender für kulturpessimistische Naturen, eine uneingeschränkte Empfehlung.
Leider ist das Album momentan schwer zu bekommen (über den Myspace von Curtis Lynch könnte es klappen), aber dafür ist ein Teil der Tunes dieser Tage als 7″ bei den üblichen Internetshops eingetroffen. Kaufen, hören & spielen!