Killaswitch’s Reissue-Kolumne #1

Das Reggae-Release-Dickicht ist bekanntermaßen nicht nur undurchdringlich im Bezug auf aktuelle Produktionen, sondern auch hinsichtlich der Wiederveröffentlichung älterer Aufnahmen. In unregelmäßigen Abständen wird ab sofort killaswitch auf Reissues hinweisen, die hörens-, bewunderns- und erwerbenswert sind.

Daß jede Woche Dutzende aktueller 45s das Licht der Welt erblicken, ist schön und gut. Es ist aber kein Zustand, daß Woche für Woche dank enthusiastischer Labels in England, USA und sonstwo zeitlose Klassiker und verschollene Perlen auf schwarzes Gold gebannt werden und an der Musikpresse zumeist spurlos vorbeiziehen, von den Dances ganz zu schweigen.

Hiermit setze ich meinem bescheidenen Versuch den Anfang, eine rein subjektive Auswahl an bemerkenswerten Reissues der letzten Zeit vorzustellen. Vielleicht interessiert’s ja den einen oder den anderen. Die Regelmäßigkeit, mit der es geschehen soll, hängt natürlich von meiner Zeit und meinem Geldbeutel ab, wie aber auch vor allem von dem Interesse der mitlesenden Massive. Feedback zu diesem Atikel kann im entsprechenden Thread im Forum gegeben werden und ist ausdrücklich erbeten!

 

 

Musically Intemidators / Knowledge & Tappa Zukie – Bad More Than That / What’s Yours || o: 1977 rp: 12.2006 || 12″ Stars (ST001) || GB Distribution


Stars001 - Click for Fullsize
Tappa Zukie Material auf neuem Vinyl zu haben, ist immer erfreulich, erst recht wenn es sich um sieben Minuten lange Discomixe handelt. Dementsprechend enthusiastisch bin ich angesichts dieser Pressung zum Plattenladen gerannt – sie machte mich allerdings zunächst etwas stutzig. Warum presst man eine Disco-12″ auf 33RPM – um letzendlich dann doch jeweils fast ein Drittel der Seite leerzulassen? Warum knallt man einen Dub auf die A-Seite, und warum ist dieser eine völlig andere Version als der B-Seiten-Vocaltune? Aber diese Fragen erweisen sich als völlig irrelevant, wenn man das Material zu hören bekommt. Denn hier gibt’s zwei Tappa-Produktionen der Extraklasse in einer sehr ansehlichen Pressqualität.

Musically Intemidators sind natürlich niemand anders als Musical Intimidators, Zukie’s Studioband, über deren Zusammensetzung es schwer ist, etwas in Erfahrung zu bringen. Sicher ist, daß da Studiomusiker vom höchsten Rang gesessen haben müßten, und der 1A-Mix tut das übrige dazu. “Bad More Than That” ist ein sich im Midtempo dahinwälzender Dub-Gigant mit einer sehr eingängigen Bassline, viel Percussion und Vocal-Einstreuseln von, wenn mich mein Gehör nicht täuscht, Horace Andy (für eine Identifizierung des Originaltunes wäre ich dankbar). “You coulda bad more than that, you coulda wicked more than that / Jah Jah no fraid a you!” – eine gewichtige Ansage, der mit schön hallenden Snares sozusagen umso mehr Nachdruck verliehen wird. «snippet side a»

Ey man, my name is Tappa Zukie, and I’m introducing to you this group called Knowledge, straight from the ghetto!” – tönt es gleich zum Anfang der B-Seite. Was folgt, ist vielleicht einer der aufregendsten Tunes der von Tappa kräftig protegierten Vocal-Combo um Michael Smith und Anthony Doley. “What’s Yours” eine in Sufferah-Pathos getränkte Steppers-Hymne im besten late-70s Arrangement: Im 4/4-Takt voranschreitende Bassdrum, wie durch ein Metallrohr gejagte Gitarrenriffs, synkopische Rimshots, in der Luft hängende Echos… Der fast sieben Minuten lange Extended-Mix beinhaltet auch eine starke Deejay-Version von Zukie selbst, die meines Wissens nach auf keiner seiner LPs zu finden ist. «snippet side b»

Was kann man da noch sagen, außer daß jeder ernstzunehmende Roots-Head sich die Platte zulegen sollte, solange diese, nach Label-Angabe, “Limited Edition” nicht vergriffen ist. Ansonsten gibt es in der Stars-Reissue-Serie von GB Distribution einen ganzen Satz 7″s in lustigen Vinylfarben – leider nicht in der besten Soundqualität.

 

Hortense Ellis – Super Star || o: 1976 rp: Herbst 2006 || 7″ Ja-Man (JMRP705) || Jammyland NYC


Ja-Man RP 705 - Click for Fullsize
Die Jungs von Jammyland, dem New Yorker Plattenladen und Reissue-Stall, haben nebst vielen anderen aktuellen Represses ein ganz besonderes Juwel herausgehauen. Hier haben wir Hortense Ellis, Altons 2000 verstorbene Schwester, mit einer Female-Version des vielgecoverten “Movie Star”-Hits ihres Bruders, erschienen 1976 auf Ja-Man und ein Jahr später auf Hawkeye UK, und nun endlich wieder als Single zu haben.

Zunächst mal sind es die Lyrics, die einem – man möge mich gefühlsduselig schimpfen – unglaublich unter die Haut gehen, wie beim original Movie Star, so aber auch erst recht in Hortense Ellis’ Ausführung. Diese in wenige Worte gefaßte Liebesgeschichte, in der es kein Wenn und Aber gibt und die Protagonisten sich einen Dreck um die Umstände scheren – er kein Superstar und ohne dicken Wagen, sie im zu engen Kleid Objekt übler Nachrede, “but I don’t care” – besticht einfach durch ihre Lakonie und Bedingungslosigkeit. Und selbst das eigentlich doch recht lächerliche “Waouw-waouw”- und “She don’t know why”-Gecroone des Männerchors im Hintergrund kann den tragischen Pathos nicht in Kitsch umkippen. «snippet side a»

Aber noch bemerkenswerter ist vielleicht die Version. Wenn beim Repress die Backing-Band lediglich mit “Ja-Man Allstars” angegeben wird, so heißt es auf der 1977er Hawkeye-Pressung “Sly & Co”. Nun kann man ja viel darüber nachlesen, wie sehr Sly Dunbar den Rhythmus des Reggae in der zweiten Hälfte der 1970er revolutioniert hatte. Dies ist eines der besten Beispiele, um es auch nachzuhören. Dieser Shift weg vom One-Drop und hin zum hyperaktiven und hypnotischen *trk* *trk* *trk* der Snare und Bass ist es, was mich so sehr an der Musik dieser Epoche fesselt. Die Drums überschlagen sich förmlich, kulminieren in einer Reverb-Orgie, um sich prompt wieder im Takt zu finden (kaum ein Drummer ist so exakt wie Sly), und die Bassline liefert derweil stoisch den Unterbau. Drum’n’Bass in Reinkultur! «snippet side b»

Gerade angesichts der Version wünscht man sich das Ganze als 12″-Version – aber da hilft im Set vorerst wohl nur, die Single zweimal zu kaufen und on the fly einen Discomix vorzutäuschen.

 

Freddie McKay – Lonely Man || o: 1979 rp: Mitte 2006 || 12″ Niagara (BMNIADD106) || Badda Music


Niagara 12
Eine Linval-Thompson-Produktion, zu der man keine großen Worte verlieren muß. Es ist einer der Tunes, die einem in mancher Lebenslage einfach aus der Seele sprechen. “Lonely man this is what I am / a lonely man always seems to be sad / why can’t he be like an ordinary man / why must he live like a lonely instead” – jeder, dem es mindestens einmal so ging, wird den Tune einfach fühlen. Aber hier geht es um Reggae und nicht um Emo, insofern kann man berechtigterweise frangen – was geht da musikalisch? Viel. Eine sehr ruhige und gleichzeitig druckvolle Produktion an der Grenze zwischen Spät-Rockers und Proto-Rub-A-Dub, mit sehr eingängiger Bläser-Hook, Kopfnick-Bass und “fliegenden” Hihats, die besonders in der zweiten Hälfte des gut sechs Minuten langen Extended-Mixes hervorstechen. Auf der B-Seite gibt es dann nochmal eine vier Minuten lange Dub-Version. Ich habe keine Ahnung, ob sowas noch irngedwo auf einer Tanzfläche funktionieren könnte, aber es ist in diesem Fall auch egal, denn die 12″ ist schonmal definitiv Pflichtfutter für den Turntable zuhause. «snippet side a»

killaswitch bei dancehallmusic.de

 

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