Neue und nicht ganz so neue Alben

Quer durch den Gemüsegarten: Jah Cure – True Reflections, Reggae Gold & Soca Gold 2007, Otentik Street Brothers – Revey Twa, Josie Mel – This Whole World, Spear Hit – Captifs
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Jah Cure - True Reflections - CoverDie “Free Jah Cure”-Lyrics, Shirts, Signaturen und Tags haben ein Ende – am 28. 7. wurde Jah Cure nach acht Jahren Gefängnis vorzeitig entlassen. Der Hype um die ersten Konzerte wird erwartbar groß werden, und mit ebenso wenig überraschendem Timing veröffentlicht VP Records nun “True Reflections… A New Beginning“, das vor künftig vermutlich nur so purzelnden Studio-Alben als Best Of die Jah Cure-Singles der letzten Jahre zusammenfasst. Wer die Karriere des Sängers verfolgt hat, dem wird mit Ausnahme des noch unveröffentlichten “To Your Arms Of Love” nichts Neues auffallen, aber als Compilation besitzen diese Alben natürlich eine Daseins-Berechtigung, da ja nicht jeder dem 7″-Business folgt. So gesehen kann man hier nichts falsch machen – “Longing For”, “Most High Cup Full”, “True Reflection”, “Jamaica”, “Dem Nuh Build Great Man” mit Fantan Mojah usw. usf., alles bekannt und mehrheitlich für gut befunden. Spannend wird, ob Jah Cure in Zukunft den nicht gerade geringen Erwartungen gerecht werden kann.

Reggae Gold 2007 - CoverWo wir gerade bei verbraucherfreundlichen Reggaepaketen sind: schon vor einer Weile erschienen die 2007er-Editionen der “Reggae Gold” bzw. “Soca Gold“-Serie von VP. Die Sampler sind Hit-Sammlungen für Gelegenheits-Käufer vor allem im “Reggae”-Fall, während viele Tunes der Soca Gold 2007 so zum ersten Mal erhältlich sind. Die Auswahl ist in beiden Fällen größtenteils gelungen, wobei der eine oder andere fragwürdige Tune bei diesen Alben noch nie gefehlt hat. Dennoch gibt es Hits am laufenden Band, etwa Mungas “Bad From Mi Born”, Jah Cures “Sticky” oder “Love & Affection” von Pressure auf der Reggae Gold, “Make A Stage” von Fay-Ann Lyons, “I Dare You” von Destra Garcia oder der “Expose Road Mix” von El-A-Kru auf der Soca Gold. Interessanter wird das Ganze durch die jeweils beigefügten DVDs, von denen besonders die Reggae-Variante recht umfangreich ausgefallen ist. Alles in allem wird das Niveau der jeweiligen Serien gehalten, so dass der Zielgruppe durchaus zum Kauf geraten werden kann – ob man dazu gehört, obliegt natürlich der eigenen Wahrnehmung.
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Von Mauritius über Österreich kommt das Album “Revey Twa” der Otentik Street Brothers auf DHF Records ins Haus. Die Musik ist irgendwo zwischen Roots, ganz seichten Dancehall-Einflüssen und Sega angesiedelt, wobei die Einflüsse letzteren Stils die gelegentliche Frische des Albums maßgeblich beeinflussen. Die Gruppe leistet sich mehrere Vocalists (sowohl Deejays als auch Sänger) und setzt häufig auch Harmonie-Gesang ein. Die Texte sind angeblich “zumeist politisch und sozialkritisch motiviert”, was ich anhörig der Musik sofort glaube, aber aufgrund mangelnder Französisch- bzw. Creol-Kenntnisse nicht bestätigen kann. Für Fans und Beobachter des Reggae in Afrika ist das Album gewiss interessant und mit seiner ungewöhnlichen Stil-Vielfalt auch durchaus recht hörenswert.
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Josie MelIch will ja nichts sagen, aber bei der Release-Wut von Andreas ‘Brotherman’ Christensen und seinem Minor7Flat5-Label scheint manchmal ein wenig die Qualitätskontrolle zu leiden. Neuster und dieses Jahr x-ter Wurf ist “This Whole World” von Josie Mel (RL: 17. 8.), der die Grenze zur Dudelei leider doch einige Male überschreitet. Nichts ist hier wirklich schlecht, Solidität ist das Stichwort, und Brotherman bemüht sich auch durchaus wieder um Auflockerungen (so etwa “Inna di dance”), aber ich kann mir nicht helfen – das Album klingt schon beim ersten Hören so, als habe man es schon einige Male gehört, dann weggestellt und nicht sehr vermisst. Wer reinhören will, sollte eventuell die beiden Combinations mit Lutan Fyah, “This Whole World” und “Mr. Bruno” checken.
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Spear Hit - Captifs - CoverWer den Promo-Zettel verschlampt, ist auf Google angewiesen. Hurra: Spear Hit ist laut Suchergebnis eine “Groupe de reggae français”. Nun gut, das hatte mir das Album selbst auch bereits offenbart. Wie dem auch sei, auf “Captifs” findet sich Reggae, wie er vermutlich in mancher namentlich nicht genannt werden wollenden Postille als solcher mit “Hängematten-Feeling” eingeordnet werden würde. Diese Beschreibung ist natürlich unfair und nicht treffend, aber irgendwie halt doch: jeder Reggae-Hörer, der schon über solche Formulierungen milde gelächelt hat, weiß vermutlich dennoch, was für ein Sound gemeint ist. Langer Rede kurzer Sinn: Hängematten-Feeling-Reggae also, mit leider bestenfalls durchschnittlichem Singing und dazu noch einigermaßen lang- öhm, atmig eingespielt und produziert. Die Texte sind wie gesagt französisch, mir also fremd, aber ich tippe mal gewagt auf “zumeist politisch und sozialkritisch” motiviertes Material (tatsächlich vermute ich hier sogar Christen am Werk, schockschwerenot!). Es gibt gewiss wie für alles auch eine Käuferschicht für diese Ersatz-Revoltes, aber ich kenne sie nicht. Wer sich aber dazu zählt und jetzt auf den Geschmack gekommen ist: Hier entlang!